Die unbekannte Untersteiermark

Als Steirer*innen kennen wir unser Heimatbundesland ja ziemlich gut. Aber wie sieht es mit der Untersteiermark aus? Jenen Teil des einstigen Herzogtums Steiermark zwischen Mur und Save, das nach 1918 an das heutige Slowenien gefallen ist? Weniger gut. Grund genug, der Schwesterregion südlich der Mur einen Besuch abzustatten. Und siehe da: die Region ist wie eine Blaupause der wesentlich berühmteren Südoststeiermark, mit viel Wein, imposanten Schlössern - und einem Nazi-Frauengefängnis!


Blick von der slowenischen Grenzregion in die ungarische Tiefebene

Jahrzehntelang waren die Gebiete südlich der Mur für uns Steirer*innen Sperrgebiet. Der eiserne Vorhang ist zwar glücklicherweise verschwunden, in den Köpfen hält sich aber immer noch hartnäckig die Vorstellung, das ehemals jugoslawische - und damit kommunistische - Gebiet sei rückständig und die Bewohner einfältig. Jedenfalls kaum eine Reise wert, maximal als Durchzugsgebiet auf dem Weg an die kroatische Küste geduldet. Völlig zu unrecht, wie jeder erkennen kann, der sich der Region mit offenen Augen und Interesse nähert. Der österreichischen Süd- und Südoststeiermark steht die Region südlich der Mur um nichts nach!

Die Tour durch die Untersteiermark umfasst rund 200 km und knapp 4 Stunden reine Fahrzeit

Wir starten unsere Erkundungstour in das südliche Nachbarland in Bad Radkersburg, dem südöstlichsten Zipfel der Steiermark, im Drei-Länder-Eck Österreich-Slowenien-Ungarn. Die Kleinstadt ist bekannt für die heilenden Quellen und zahlreichen Gesundheitshotels, und wohl die Fahrradhauptstadt der Steiermark. Bad Radkersburg ist durch eine Brücke über die Mur mit der Schwesternstadt Gornja Radgona in Slowenien verbunden, über die wir in das Nachbarland übersetzen. Durch hügeliges Land mit zahlreichen kleinen Seen und Weinbergen geht es über Benedikt und Lenart in Richtung der zweitgrößten Stadt Sloweniens, Maribor/Marburg.


Marburg ist eine herzige Kleinstadt an der Drau und großer Verkehrsknotenpunkt. Wer die Stadt nur auf der Durchreise passiert, sieht wie überall nur Industriegebiete und Außenbezirke. Dabei hat die Stadt einen sehr ansprechenden Innenstadtkern mit großer Fußgängerzone und überraschend buntem Branchenmix. Keine Spur von Modeketten-Einheitsbrei. Der weitläufige Hauptplatz wurde neu gestaltet - hätte aber etwas mehr Grün vertragen. Der Bauernmarkt wird sogar von Österreichern gerne besucht. Sehenswert auch die Promenade an der Drau, mit vielen hippen Lokalen und mittendrin: die älteste Weinrebe der Welt, immerhin 400 Jahre alt! Aus den Trauben wird immer noch Wein gekeltert, der aufgrund der geringen Menge rar und teuer ist und meist als Gastgeschenk an Staatsgäste vergeben wird.


Hauptplatz von Marburg
Älteste Weinrebe der Welt, an der Drau-Promenade

Ungewöhnlich: mitten im Stadtgebiet befindet sich im Untergrund einer der größten Weinkeller Europas! Einst im Staatsbesitz, nach dem Zusammenbruch Jugoslawiens unter privaten Nagel gerissen und verkommen lassen. Erst in den letzten Jahren wurde der Weinkeller reaktiviert und beherbergt riesige Weinfässer, die im durch Schwarzschimmel geprägten Klima ausgezeichnete Weine hervorbringen. Diese können im Rahmen einer Führung durch die weitverzweigte Unterwelt auch verkostet werden - zu wohlfeilen Preisen mit anständiger Jause. Dafür sollte man sich allerdings 2-3 Stunden Zeit nehmen und vorher klären, wer fährt, denn aus den angekündigten fünf Weinproben werden schnell mal 7-8 oder mehr....


Aus der hitzigen Stadt fahren wir Richtung Westen, an der Drau entlang. Die Straße folgt malerisch dem Flussverlauf, zuweil in engen Schlingen entlang des dichtbewaldeten Ufers. Weil es so schön am Weg liegt, nehmen wir auch einen sehenswerten Lost Place mit: Schloss Viltuš (deutsch: Wildhaus) liegt in der Ortschaft Spodnji Slemen, etwa 10 km westlich von Marburg, direkt an der Hauptstraße mit herrlichem Blick auf die Drau. Etwas weiter oberhalb des Schlosses befinden sich die Ruinen der alten Burg Wildhaus. Der Gebäudekomplex wirkt verlassen und heruntergekommen, alle Zugänge bis auf den Haupteingang sind zugemauert. Die Brücke in den Wald ist nicht mehr begehbar. Der Geruch, der dem offenen, aber vergitterten Eingang entströmt, lässt darauf schließen, dass großflächige Wasserschäden dem Gebäude auch im Inneren zusetzen.


Urkundlich erstmals 1588 durch den Kauf des in der Steiermark wohlbekannten Adelsgeschlechts der Herberstein erwähnt, gehörte Schloss Wildhaus vor dem Zweiten Weltkrieg einem wohlhabenden Holzhändler. Dessen Nachkommen wurden 1941 von den Nazis verhaftet, die daraufhin im Schloss ein Frauengefängnis errichteten. Nach dem Krieg wurde die Familie offiziell vom neuen Staat Jugoslawien enteignet, und das Anwesen wurde als Lazarett, Freizeit- und Altersheim genutzt. 2008 erhielt die Familie eine Restitutionszahlung. Noch heute "kümmert" sich der Staat um das Gebäude und den weitläufigen, überraschend gepflegten Park. So wurde erst kürzlich das Dach neu gedeckt. Vielleicht wird dem Schloss im Dornröschenschlaf doch noch einmal neues Leben eingehaucht, verdient hätte es sich das allemal!


Nach der Drauschlinge bei Zgornji Boč setzen wir über die Drau, über die Lovrenski Most ("Lorenzer Brücke") Richtung Süden. Ziel ist das Pohorje-Gebirge, das sich westlich von Maribor bis auf knapp 1.550 m hoch zieht. Auf dem Hochplateau befinden sich insgesamt fünf verschiedene Skigebiete, das östlichste kann sogar direkt am Rande von Marburg mit einer Gondel erreicht werden. Wir steuern das Gebiet "Rogla" an, wo im Sommer zahlreiche Wanderwege, Hochmoore und ein Bike-Trail locken. Ein (kostenpflichtiger) hölzener Aussichtsturm inklusive Wipfelwanderweg bieten ein familienfreundliches Abenteuer für die Einheimischen.


Die drauseitige Auffahrt entpuppt sich nach wenigen Kilometern allerdings als - wenn auch gut ausgebaute - Schotterstraße, die sich über mehrere Kilometer zäh auf den Berg hinaufschlängelt. Ungewohntes Terrain für den Mustang, aber dennoch bewältigbar, einige Kurven-Slides inklusive. Von der Talstation des 4er-Sessellifts "Planja A2S", die man kurz vor dem Bergrücken passiert, könnte man in einer rund einstündigen Wanderung zu den Lorenzer Seen gelangen ("Lovrenska Jezera"), einem Hochmoorgebiet mit einigen kleinen Seen, die man über Holzstege erwandern kann. Will man nicht so weit gehen, muss man einen ebenfalls etwa einstündigen Umweg mit dem Auto in Kauf nehmen, da die Seen nur vom Süden her auf der Straße erreichbar sind.

Talstation eines der Sessellifte des Skigebiets Rogla, von wo aus die Wanderung zu den Lorenzer Seen beginnt

Wir fahren hingegen weiter auf den Bergrücken, wo sich gefühlt tausende Einheimische dem Wandern oder dem Aussichtsturm im Skigebiet "Rogla" widmen, bei unserem Besuch in einen hartnäckigen Hochnebel gehüllt. Das Skigebiet ist gar nicht mal so klein, und von Graz aus in gerade mal 1,5 Stunden erreichbar. Allerdings leider aufgrund der geringen Höhe wohl genauso schneeunsicher wie etwa die Weinebene.


Wegen Höhenangst lassen wir den Aussichtsturm aus und werden südseitig mit einer recht neuen, perfekt ausgebauten Straße belohnt. Mit Freude cruisen wir den Berg hinunter bis nach Slovenske Konjice und weiter nach Nord-Osten Richtung Slovenska Bistrica. Die kerzengeraden Verbindungsstraßen zu unserem nächsten Ziel, der Kleinstadt Ptuj, sind leider weniger komfortabel. Die Stoßdämpfer des Ponys werden mächtig gefordert. Kein Wunder, dass in Slowenien an jeder Ecke neue Straßen gebaut werden, Umleitungen und Straßensperren stehen in der Region an der Tagesordnung. Es ist aber auch bitter nötig!


Ptuj (deutsch: Pettau) ist die älteste Stadtgemeinde des ehemaligen Herzogtums Steiermark und damit auch die älteste steirische Stadt! Sie liegt an der altertümlichen Bernsteinstraße und war entsprechend früh besiedelt (erstmals erwähnt 69 n.Chr.). Den malerischen Stadtkern mit weitläufiger Fußgängerzone dominiert eine mächtige Burganlage, in der heute mehrere Museen und ein Weinkeller untergebracht sind. Venezianische Einflüsse sind unübersehbar. Allerdings wirkt die Stadt am Sonntag ein wenig ausgestorben, für ein offenes Restaurant müssen wir leider wieder ins Auto steigen und unsere Tour fortsetzen.

Das tun wir nordwärts Richtung Lenart, bevor wird uns nach einem kurzen Snack auf den Weg zu unserem letzten Ziel machen: Schloss Negova in der Nähe von Benedikt. Das weitläufige Ensemble auf einem sanften Hügel ist Teil der österreichisch/slowenischen Schlösserstraße, die 37 Schlösser in der Steiermark, im Burgenland und in Slowenien verbindet. Das 1425 erstmals erwähnte Schloss wurde von der Adelsfamilie Trauttmansdorff geprägt - ebenfalls ein berühmter Name in der Steiermark. 2006 wurde der Vorderbau und die Vorburg umfassend renoviert, der hintere Teil des Schlosses wartet hingegen noch auf seine Wiedererweckung. Im großzügigen Schlossvorhof werden heute zahlreiche Kulturveranstaltungen durchgeführt, unter anderem ein Liebesfest und ein Champagnerfest. Das Schloss ist auch eine beliebte Hochzeitslocation. In der Nähe befindet sich auch ein - allerdings wenig ansprechender - kleiner See.


Zurück nach Bad Radkersburg geht die Reise über zahlreiche kleine Ortschaften mit auffallend gepflegten Einfamilienhäusern im südlichen Umland von Oberradkersburg. Und hier bewahrheitet sich wieder eines: Mustang-Brüder findet man überall in Europa, auch im slowenischen Nirgendwo. Das wird natürlich mit gebührendem Hupen und Winken gefeiert, das auch eifrig erwiedert wird!



Wer gerne Bier trinkt, sollte die Tour wieder in Österreich ausklingen lassen, genauer bei der Brauerei Bevog, auf halbem Weg zwischen Bad Radkersburg und Sicheldorf an der slowenischen Grenze. Innovative, junge Slowenen brauen hier mit viel Enthusiasmus und Engagement ein schmackhaftes Craft Bier, das vor allem durch seine ungewöhnlichen Geschmacksnoten neugierig macht. So kommt das klassische Bier mit exotischen Früchten daher und das Himbeerbier hat sogar mir als absoluter Nicht-Biertrinkerin geschmeckt! Auch die Etiketten sind absolut sehenswert und das eigene Merchandising absolut cool!. Wer Zeit hat, kann sich den Brauprozess gleich hinter der Theke ansehen. Die Brauerei befindet sich mitten in einem Industriegebiet, direkt an der Straße nach Sicheldorf, eigentlich nicht zu übersehen.



Wer noch weitere Teile des alten Herzogtums Steiermark erkunden will, verbindet den Ausflug in die Untersteiermark beispielsweise mit den Regionen oberhalb der Mur (Tipps: Mystische Oststeiermark oder Kulinarikhimmel Oststeiermark). Wer mehr von Slowenien sehen möchte, dem darf ich die Region rund um den Nationalpark Triglav wärmstens ans Herz legen.


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