Von der Ostsee zur Nordsee

Deutschland hat knapp 2.400 km Meeresküste, zwischen Usedom im Osten und Emden im Westen. Die Küsten sind sandig breit oder gefährlich steil, lieblich oder rau, für jeden ist das Passende dabei. Wir haben alle gesehen und sind angesichts der Vielfalt aus dem Staunen nicht herausgekommen. Warum wir die Faszination dennoch nur bedingt nachvollziehen können, liegt wohl am kalten Wetter und den überlangen Ruhezeiten.

Für uns gestandene Österreicher bedeutet Urlaub am Meer flache Sandstrände und badewannenwarmes Wasser in Italien, schroffe Felsküsten mit glasklarem Wasser in Kroatien oder unfassbare Hitze in Griechenland. Ein Strandurlaub am Meer ohne Strandcafés und mit Winterjacke ist für uns schlicht undenkbar. Und dennoch scheint das für viele Deutsche die Erfüllung zu sein. Wie kann es sonst sein, dass beliebte Urlaubsorte an Ost- und Nordsee selbst bei 17 Grad Außentemperatur und beißendem Wind bestens gebucht sind? Es liegt wohl an den einzigartigen Landschaften, den ikonischen Strandkörben und der Tradition. Wir haben nur einmal den Zeh ins Wasser gehalten, und uns sonst mit atemberaubenden Aussichten und dem besonderen Flair von Orten wie Binz, Ahrenshoop oder Hörnum zufrieden gegeben.


Diese Ladesäule am Hafen in Barth erhält den ersten Preis für Schneckentempo.

Wir starten unsere Küstentour auf Rügen, dem Endpunkt unseres ersten Teils der Deutschlandrundfahrt (hier nachzulesen). Im beschaulichen Barth westlich von Stralsund nutzen wir einen Ladestopp für ein Mittagessen direkt am Hafen. Dort steht zwar wirklich äußerst praktisch eine Ladesäule, die hat sich aber offenbar der Geschwindigkeit der Umgebung angepasst und den Sonntags-Gang eingelegt. Zudem haben wir dort die schrecklichsten Spaghetti vorgesetzt bekommen, die uns je untergekommen sind. Zusammen mit einer Wartezeit von mehr als 1,5 Stunden für das ungenießbare Essen und der bummelnden Ladesäule ist uns Barth leider nicht sehr positiv in Erinnerung geblieben.


Unendliche Strandweiten im Künstlerdorf Ahrenshoop.

Also weiter auf die Vorpommersche Boddenlandschaft, einer vorgelagerten Halbinsel, die sich standhaft mit meterhohen Dämmen gegen die Ostsee wehrt. Orte wie Zingst oder das Künstlerdorf Ahrenshoop sind putzige Feriendörfer, in denen Langsamkeit und Ruhe dominieren. Die Strände sind breit, der Sand fein, die Strandkörbe voll. Dennoch stellt sich uns immer wieder die Frage: was tun hier den ganzen Tag, wenn man a) nicht ins Wasser kann (weil viel zu kalt!) und b) weit und breit kein Café oder Restaurant zu finden ist, in dem man mit entspannendem Meerblick den Tag mit guten Freunden und angeregten Gesprächen beginnen oder ausklingen lassen kann? Und wo bitte geht man auf diesen einsamen Stränden auf die Toilette? Ich mag es mir grad gar nicht vorstellen...


Dicke Wolken und das Maritim-Hotel dämpfen den Blick auf die Passat.

Als nächstes fahren wir dorthin, wo etwas mehr los ist, in die Hafenstadt Travemünde, an der Mündung der Trave in die Ostsee. Unser Hotel liegt auf der rechten Hafenseite an der Priwallpromenade und ist Teil eines großen Feriendorfes mit Appartments und weitläufigem Strand. Das Viertel - bekannt auch für Steffen Hensslers Ahoi - ist modern und stylisch, mit netten Lokalen und spektakulärem Blick auf die Passat. Der Viermaster liegt direkt vor dem Hotel vor Anker und wartet auf marineaffine Besucher. Der Blick auf den ehemaligen Frachtsegler wird nur durch das gegenüber liegende Hochhaus der Maritim-Hotelkette entstellt, einer unglaublichen Bausünde im ansonsten malerischen Hafen. Dieser Betonklotz wird nur dann verdeckt, wenn sich eines der riesigen Fährschiffe aus Finnland oder Littauen langsam und lautlos durchs Bild schiebt, die mit unglaublicher Präzision und beängstigender Geschwindigkeit den Pier weiter südlich ansteuern. Leider spielt auch das Wetter nicht mit, so können wir den Ausklang des gerade stattfindenden Travemündener Hafenfests mit Musik und spektakulärem Feuerwerk nur gedämpft, mit dicker Jacke und Regenschirm genießen. Wenn die Sonne scheint, ist die Hafenstadt aber sicherlich nochmal eine Reise wert!


Am nächsten Tag stehen die Highlights von Hamburg auf dem Programm. Die Elbphilharmonie und die Speicherstadt sind tatsächlich echte Hingucker. Der auf halber Höhe des Konzerthauses gelegene offene Rundgang ("Plaza") kann sogar gratis besucht werden, es ist lediglich ein Zählticket zu lösen. Die Rundum-Aussicht ist spektakulär! Von der Elbphilharmonie erstreckt sich entlang der Elbe westwärts eine ausgedehnte Promenade, die gleichzeitig als Hochwasserschutz dient. Steigt das Wasser der Elbe zu hoch, werden im wahrsten Sinne des Wortes die Schotten dichtgemacht. Spektakulär auch der alte Elbtunnel, der die Innenstadt mit den Docks im Süden verbindet. Früher noch mit dem Auto befahrbar, heute nur mehr Fußgängertunnel mit beinahe antiken Großraum-Fahrstühlen.

Wer vom Elbtunnel die Stufen in die Stadt hochklettert, landet direkt auf der Reeperbahn, mit der berühmten Davidwache. Tagsüber ist die Reeperbahn kein Highlight, und Straßen, in denen Frauen dezidiert unerwünscht sind wie in der Herbertstraße, sind für mich einfach nur überholt und letztklassig. Möglich, dass die Reeperbahn nachts Spaß und Erlebnis verspricht, ich hab sie gesehen und damit ist gut.

Nach der hektischen Großstadt zieht es uns doch wieder in ruhigere Gefilde, da kommt die Hafenstadt Husum an der Nordsee gerade recht! Anders als an der Ostsee lässt hier die Nordsee erstmals ihre wettertechnischen Muskeln spielen. Trotz strahlendem Sonnenschein klettern die Temperaturen mit Wind nicht über die 20°C-Marke. Der nordische, raue Charme ist deutlich spürbar. Dennoch lohnt sich ein Bummel durch die weitläufige Fußgängerzone des nordfriesischen Städtchens.


Zu guter Letzt steht noch ein Highlight auf dem Programm: trotz Warnungen setzen wir mittels Autofähre auf die nördlichste Insel Sylt über. Die etwa halbstündige Fahrt mit dem Zug, bei der man angeschnallt im Auto sitzen bleibt, ist schon ein Erlebnis für sich und die Insel ist nicht annähernd so überlaufen wie uns prophezeit wurde. Leute, ihr wart noch nie zu Ferragosto im oberitalienischen Lignano! DAS ist überfüllt :-).

Die etwa 30 km lange Insel ist eine Landschaftswelt für sich. Die niedrig bewachsenen Dünen geben dem Eiland einen fast schon schottischen Touch. Die Straßen zwischen den wenigen größeren Ortschaften sind einsam, die ganze Insel überzieht ein weitläufiges Radwegenetz. Fragt sich nur, wer bei diesem Wind überhaupt mit dem Rad fahren will... Keitum, List, Hörnum, die reetbedeckten Häuser in der friesisch herben Umgebung gleichen sich, nur die Inselhauptstadt Westerland gibt sich etwas städtischer. Das Wetter ist trotz wolkenlosem Himmel rau - die Winterjacke gehört zur Standardausrüstung. Dennoch können wir nachvollziehen, dass es so viele Deutsche hierher zieht - die Ruhe ist schon fast magisch!


Eines fällt aber überall auf: vor 11 Uhr mittags sperrt hier außer ein paar Bäckereien, vor denen sich dafür lange Schlangen bilden, nichts auf! Irgendwo ein Frühstück zu bekommen - unmöglich. Das einzige offene Café in List - neben einem Lebensmittelladen - hat eigentlich wegen Personalmangel zu. Der Besitzer hat jedoch Erbarmen mit uns und verköstigt uns mit Kaffee und Croissant. Ein Abstecher zur - natürlich ebenfalls geschlossenen - weltberühmten Sansibar an der Westküste muss natürlich auch sein. Warum sich gerade diese Bar solcher Beliebtheit erfreut? Möglicherweise liegt es daran, dass sie die einzige weit und breit ist, die direkt am Strand liegt und damit neben dem Champagner und den Austern auch einen entspannenden Meeresblick bietet? An diesem Konzept sollte sich die gesamte Ost- und Nordseeküste ein Beispiel nehmen!


Eigentlich sollte unsere Deutschlandrundreise noch Stationen in Bremerhaven, Hannover und Würzburg beinhalten. Eine hartnäckige Krankheit zwingt uns aber zur vorzeitigen Abreise, und wir fahren die Strecke Nordfriesland - Graz in einem durch. Wir kommen aber bestimmt wieder, um das Versäumte nachzuholen!






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